Wo der Atem der Geschichte noch klingt
Zwota [ENA] Eine kleine Gemeinde im Vogtland. Eine Kirche, ein paar Häuser, Stille. Und über tausend Musikinstrumente, die eine ganze Welt erzählen. Das Harmonikamuseum in Zwota ist kein Museum im üblichen Sinne. Ein Stück Geschichte des Musikinstrumentenbaus in der ehemaligen DDR.
Wo der Atem der Geschichte noch klingt Das Harmonikamuseum in Zwota bewahrt, was kaum noch jemand kennt und wir nicht vergessen dürfen. Man muss nach Zwota wollen. Es liegt nicht auf dem Weg. Der Ort schmiegt sich ins vogtländische Bergland, unweit von Klingenthal, nahe der tschechischen Grenze. Wer hierher kommt, sucht etwas. Und wer das Museum in der Kirchstraße betritt, findet mehr, als er erwartet hat. Über tausend Instrumente umfasst die Sammlung. Mundharmonikas. Handharmonikas. Konzertinas aus dem 19. Jahrhundert. Akkordeons. Bandoneons.
Und ,das ist der Moment, an dem die Geschichte eine unerwartete Wendung nimmt, Elektronische Tasteninstrumente aus DDR-Produktion, deren Existenz heute kaum jemand vermutet. Instrumente, die einst in den Wohnzimmern von Warschau, Prag und Moskau standen. Und in kaum einem Raum oder Saal im westlichen Ausland. (1) Ein Händler, eine Idee, eine Industrie Alles beginnt 1829. Ein Instrumentenhändler namens Johann Wilhelm Glier bringt von einer Geschäftsreise eine Mundharmonika nach Klingenthal. Er lässt sie in der väterlichen Werkstatt nachbauen. Ein schlichter Akt. Keine Fanfare. Kein Bewusstsein dafür, was daraus wird.(2)
Was daraus wurde, war atemberaubend. Mitte der 1920er Jahre schätzte der deutsche Holzarbeiterverband die Klingenthaler Jahresproduktion auf dreißig bis fünfunddreißig Millionen Mundharmonikas und etwa eine Million Handharmonikas. Millionen Instrumente aus .einem Tal. Von Händen produziert und dem Wissen, das dem Produkt seine Gestalt gaben.. Mit den Fingern und Geduld. (3) Das Vogtland lieferte 1913 ungefähr mehr als die Hälfte an Harmonikas. Mehr als hundert Standorte des Musikinstrumentengewerbes wurden nachgewiesen. Das war keine Randnotiz der Wirtschaftsgeschichte. Das war ein Weltzentrum. Hier, zwischen Fichtelberg und böhmischer Grenze. (4)
Klingende Namen, vergessene Marken: „Royal Standard“ „Barcarole“. „Horch“ „Weltmeister“ „Galotta“. „Hutschelli.“ Unzählige Mund- und Handharmonikas, Akkordeons unter diesen klangvollen Namen verlassen die Werkstätten in Klingenthal und Zwota. Exportiert werden sie in viele Länder der Erde.(5) Manche dieser Namen klingen heute wie Poesie. Wie Versprechen an eine Welt, die Musik noch anfassen wollte. Buchstäblich. Das Museum bewahrt sie. Nicht als Trophäen. Als Zeugen.
Der andere Teil der Geschichte: „Vermona“ und die elektronische Stille Am 1. Januar 1949 entstand der VEB Klingenthaler Harmonikawerke ,durch den Zusammenschluss mehrerer privater Unternehmen. Der Betrieb wurde zum Hauptproduktionsstandort für Akkordeons, Mundharmonikas und elektronische Musikinstrumente in der DDR. (Wikipedia) Was folgt, ist eine Geschichte, die noch erzählt werden will.
1964 wird der VEB Vermona eingegliedert. Die Fertigung und Entwicklung der elektronischen Klangerzeuger und Effektgeräte erfolgt im Werk Schöneck. Synthesizer. Orgeln. Elektrische Pianos. Instrumente, die in den späten 1950-iger und frühen 1960-iger Jahren den Vergleich mit berühmten Herstellern aus dem westlichen Wirtschaftsraum wie „Moog,“ „Fender“oder „Wurlitzer“ nicht zu scheuen brauchen. (Wikipedia, DDR-Museum) Aber der Westen hörte sie nicht. In mehr als vierzig Länder wurden die Produkte exportiert ,vornehmlich in das sozialistische Ausland, dem damaligen RGW-Wirtschaftsraum. Der Eiserne Vorhang ist auch eine Schallwand. Was diesseits klingt, bleibt diesseits.
Über dreißig Jahre war der Bau elektronischer Tasteninstrumente eine eigenständige Branche des vogtländischen Musikinstrumentenbaus. Dann kommt die Wende. Und mit ihr das Schweigen. (Klingenthal-Magazin) 1990 wurden der VEB Klingenthaler Harmonikawerke und das übergeordnete Kombinat aufgelöst. Mit ihm 3.000 Beschäftigte, eine Industrie.und ein Weg. (Wikipedia) Was bleibt? 1986 wurde das Harmonikamuseum als Spezialsammlung zur Geschichte des vogtländischen Zungeninstrumentenbaus gegründet. Von 1992 bis 2013 war die Gemeinde Zwota der Träger, seither ist es die Große Kreisstadt Klingental. Betrieben wird die Einrichtung durch den Förderverein Zungeninstrumente.
Das Museum ist kein nostalgisches Refugium. Es ist eine Argumentation. Ein Argument dafür, dass industrielles Handwerk Kultur ist. Dass Massenfertigung und handwerkliche Kunst sich nicht ausschließen. Dass ein Tal, das einst die Welt mit Klang versorgte, diesen Klang nicht einfach verstummen lässt. Wenn Sie das nächste Mal durch das Vogtland fahren, halten Sie in der . Kirchstraße 2, in Zwota.an. Die Tür aufmachen. Zuhören, oder während des alljährlichen Mundharmonikatreffens selbst musizieren oder Musik erleben. Manche Museen zeigen, was war. Dieses hier zeigt, was wir fast verloren hätten. Und was wir, wenn wir nicht aufpassen, noch verlieren werden.
Die Öffungszeiten Dienstag bis Donnerstag jeweils von 10 bis 16 Uhr, jeden 1. Samstag im Mona jeweils von 14 bis 16 Uhr oder nach Voranmeldung. Das Museum erreichen Sie auch telefonisch unter der Rufnummer: 037467 2226 Quellen: (1) www.klingenthal.de (2) www.klingenthal.de, (3) www.klingenthal.de (4) www.klingenthal.de (5) www.klingenthal.de sowie: Wikipedia und T.Meisel aus Zwotau




















































