Freitag, 06.11.2026 17:02 Uhr

Handlungsmöglichkeiten gegen Kinderarmut

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Mainz, 06.11.2026, 13:44 Uhr
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Bild aus Workshop Reich an Ideen, arm an Chancen.
Bild aus Workshop Reich an Ideen, arm an Chancen.  Bild: Kurt Lehberger (Foto aus Video)

Mainz [ENA] Das Mainzer Bündnis Gleiche Chancen für alle Kinder und Jugendliche ist ein zivilgesellschaftliches Bündnis, das im April 2023 gegründet wurde, um sich gegen Kinderarmut in Mainz einzusetzen. Das Bündnis versteht sich als starke Lobby für die Rechte und Zukunftschancen von armutsbetroffenen Kindern.

Im September bis Oktober 2026 wurde die Ausstellung „Reich an Ideen, arm an Chancen“ am Mainzer Hauptbahnhof mit Werken und Wünschen von Kindern aus zuvor durchgeführten Projekten gezeigt. Unter dem Titel: „Handlungsmöglichkeiten gegen Kinderarmut“ fand am 29. Oktober 2026 in der Kulturbäckerei eine Podiumsdiskussion zu der Frage „Wie können Städte wie Mainz Kinderarmut wirksam bekämpfen - und gleiche Chancen für alle Kinder und Jugendlichen schaffen?“ statt.

Impulse und Gäste auf dem Podium waren: Armutsforscher Prof. Dr. Butterwegge, Jana Schmöller, Sozialdezernentin in Mainz und Bernd Hormuth, Jugendamtsleiter in Offenbach. Die Moderation übernahm Klaus Peter Lohest, Landesvorsitzender Deutscher Kinderschutzbund - Landesverband Rheinland-Pfalz. Das Bündnis wurde von Elisabeth Lissen, Stadtteiltreff Gonsenheim, vorgestellt. Die musikalische Begleitung übernahm die Band von Armut&Gesundheit. Der Mainzer Stadtrat hat 2023 beschlossen, eine dezernatsübergreifende Präventionsstrategie gegen Kinderarmut zu entwickeln. Offenbach hat seinen Aktionsplan schon veröffentlicht und ist in der Umsetzung bereits gut vorangekommen.

Ausstellungselemente „Reich an Ideen, arm an Chancen“
Podiumsdiskussion

Butterwege spricht vom Teufelskreis der Armut. Familienarmut und Kinderarmut sind eng miteinander verbunden. Kinder aus armen Familien werden oft wieder Familien in Armut gründen. Kinder sind schuldlos. Die seit nun ca. 20 Jahren bestehende Kinderarmut hat sich nicht wesentlich verändert. Man kann von einer Ausprägung der strukturellen Gewalt gegen die Kinder sprechen. Das Problem ist seit Jahren bekannt, es ändert sich wenig. Mit den schlechten Ergebnissen aus der Pisa-Studie wird die Bildungsmisere allgemein sichtbar. Es gibt so viele Jugendliche, die ohne Schulabschluss sind wie noch nie zuvor. Die sozio-ökonomische Ungleichheit hat in den letzten Jahren zugenommen. Wir haben ca. 500.000 Alleinerziehende im Bürgergeld in Deutschland.

Butterwiege erinnert an das Brecht Zitat „Reicher Mann und armer Mann standen da und sah‘n sich an. Da sagt der Arme bleich: Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ Berthold Brecht (1898 - 1956). Wenn wir über Armut sprechen, müssen wir auch über Reichtum sprechen. Relativ arm ist ein Mensch, wenn er weniger als 60% des mittleren Einkommens nicht erreicht. Das sind in Deutschland bei einer Familie mit zwei Eltern und zwei Kindern weniger als 3.036 Euro. Bei den hohen Energiekosten, der hohen Inflation und den hohen Mieten wird die Situation für viele Familien schlechter. In Deutschland sind 16,1 % relativ arm, das sich 13,3 Mio. Menschen. Das Vermögen von Dieter Schwarz (Lidl, Kaufland) wird auf 46 bis 60 Milliarden Euro geschätzt.

Da die Regierung vorhat, das Wohngeld zu reduzieren, den Kinderzuschlag zu kürzen und den Unterhaltsvorschuss für Kinder älter als 16 Jahre zu streichen, verschärft sich die Lage. Die derzeitig in Verhandlung befindlichen neuen Gesetze reformieren nicht, sondern deformieren. Die Ungleichheit wird eher vergrößert, als dass die Reformen die Ungleichheit ausgleichen. Bernd Hormuth merkt an, dass in Offenbach die finanzielle Lage sehr schwierig sei. „Aufgrund der Mittelanmeldungen im Zuge der Haushaltsplanung beläuft sich das Gesamtergebnis 2026 auf -44.782.440 Euro. Gegenüber dem Plan des Vorjahres in Höhe von -19.523.209 Euro ergibt sich damit eine Verschlechterung in Höhe von 25.259.231 Euro.“ (Haushaltsplan 2026, Seite 49.)

In Offenbach wurde 2022 der „Kommunale Aktionsplan gegen Kinderarmut“ von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen. Kinder und Jugendliche und ihre Familien sollen durch präventive Angebote unterstützt werden. Rahmenbedingungen für eine gute Kooperation und Vernetzung zwischen Behörden, Institutionen, Trägern, Vereine, Verbänden und Bürger*innen und Kindern und Jugendlichen sollen geschaffen werden, damit eine Hilfs- und Unterstützungsstruktur geschaffen wird.

Die „Offenbacher Präventionskette gegen Kinderarmut“ soll ein umfassendes und tragfähiges Netz für Kinder und ihre Familien in Offenbach bereitstellen, das Teilhabechancen verbessert, Armutsfolgen abmildert und aktiv zum „Empowerment“ von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien beiträgt. (2025 Kommunaler Aktionsplan gegen Kinderarmut, Seite 4). Herr Bernd Hormuth, Jugendamtsleiter in Offenbach, hob hervor, dass die Leitung dieser Initiative als Stabstelle bei dem/r Bürgermeister*in also auf höchster Ebene angesiedelt sein muss, so dass dezernatsübergreifend gearbeitet werden kann.

Frau Jana Schmöller, Sozialdezernentin in Mainz, bedankte sich beim Bündnis für die Einbringung des Antrags zur Stadtratssitzung am 29.November 2023. Der Mainzer Stadtrat hat dem Antrag einstimmig zugestimmt und beschlossen, eine dezernatsübergreifende Präventionsstrategie gegen Kinderarmut zu entwickeln. Jana Schmöller möchte alles dafür tun, damit die Prävention gegen Familienarmut und Kinderarmut umgesetzt wird.

Ankündigung: "Das können wir uns nicht leisten" Lesung am 7. Dezember um 19:00 in der Kulturbäckerei, Rheinallee 111 A, 55118 Mainz. Wie fühlt sich Armut an und was macht sie langfristig mit Menschen? Miriam Davoudvandi, geboren 1992 in Bukarest, erzählt aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein. Miriam Davoudvandi – freie Journalistin, Moderatorin und Autorin ("Das können wir uns nicht leisten"). In ihrem 2026 erschienenen Sachbuch "Das können wir uns nicht leisten. Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein" befasst sich Davoudvandi mit Armut, Arbeit sowie dem Aufwachsen in armen Verhältnissen in Rumänien und Deutschland. Sie lebt heute in Berlin.

Zu den beteiligten Trägern und Organisationen des Bündnisses gehören unter anderem: • Armut und Gesundheit in Deutschland e. V., • Deutscher Kinderschutzbund (Orts- und Kreisverband Mainz), • Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband (Landesverband Rheinland-Pfalz/Saarland), • Diakonisches Werk Rheinhessen & Evangelisches Dekanat Mainz, • Stadtjugendring Mainz & Stadtschüler*innenvertretung Mainz, • terre des hommes Gruppe Mainz, • Verband alleinerziehender Mütter und Väter Rheinland-Pfalz. Weitere Informationen finden Sie direkt über die offizielle Website der Mainzer Bündnis Gleiche Chancen für alle Kinder: https://www.xn--gleiche-chancen-fr-kinder-mainz-4id.de/

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