Freitag, 03.07.2026 18:37 Uhr

Müssen ausgerechnet Juden Antisemitismus bekämpfen?

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Zürich, 03.07.2026, 15:03 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Politik +++ Bericht 109x gelesen

Zürich [ENA] Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Hartnäckigkeit eine breite Öffentlichkeit erwartet, dass diejenige Völkerschaft, über die sie gerade herzieht und die sie auch publizistisch in den Senkel stellt, sich rechtfertigen sollte für die projizierten Anwürfe. Jüdische Menschen, die weltweit, ausser in Israel, eine Bevölkerungsminderheit bilden, sind davon unisono betroffen.

Dies führt zu Absurditäten im Alltag: Man wird sozusagen automatisch zum Repräsentanten Israels erkoren, der gefälligst Red’ und Antwort stehen sollte über die nahöstlichen Kalamitäten. Bestenfalls darf man von der Minderheit der Zeitgenossen, die sich mit Israel und dem jüdischen Volk per se verbunden zeigt, auch mal ein Lob entgegennehmen. Die fast schon ultimative Forderung an den jüdischen Zeitgenossen, unter allen Umständen persönlich (s)eine Meinung kundzutun – ob's besagtem passt oder nicht –, wird weder als unhöflich noch übergriffig wahrgenommen.

Der Umgang mit mehr oder minder konstruktiver Kritik ist das eine, der Umgang mit notorischen Judenhassern etwas völlig anderes. Wer sich über Jahrzehnte mit Antisemiten angelegen musste, weil sie einen bedrängt haben, weiss, dass man schwerlich mit Überzeugungsarbeit und noch so guten Argumenten sich das Problem der Anfeindung vom Leibe schafft. Die Meinung des Gegenübers ist bereits gemacht. Man ist ein Schuft und gehört zu einer Ethnie, die sich nicht zu benehmen weiss und deshalb ihr Existenzrecht verwirkt habe.

Früher wünschte man verhassten Juden, sie mögen sich schleunigst nach Palästina – damals noch unter britischer Mandatsherrschaft befindlich – verziehen; heute heisst es zynisch „Juden raus aus Palästina!“, womit zum Ausdruck gebracht wird, den Hebräern gebühre kein eigener Nationalstaat. Dabei sind sie doch die eigentlichen Eingeborenen, deren fortdauernde und ununterbrochene Präsenz auf dem Gebiet zwischen und Jordan und Mittelmeer (und darüber hinaus) hinlänglich nachgewiesen ist.

Die auf allen Seiten des politischen Spektrums, von links bis rechts und besonders auch in der wohltemperierten Mitte der Gesellschaft – besonders in Westeuropa und anderwärts – zunehmend wieder von offen manifestiertem Antisemitismus durchdrungene Gesellschaft muss sich selber an der Nase nehmen und die Gründe für ihr Problem, das sie mit den Juden hat, selber erkennen. Es kann nicht die Aufgabe der Juden sein, diese Problematik alleine zu schultern. Die seelische Belastung von Ausgrenzung und mitunter leidvoller Konsequenzen im beruflichen und politischen Umfeld reichen durchaus!

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