Sonntag, 16.08.2026 20:23 Uhr

„Wir wissen, wo die [Juden] alle in Zürich wohnen…“

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Zürich, 16.08.2026, 12:53 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Politik +++ Bericht 522x gelesen

Zürich [ENA] „Naja, wir wissen, wo die [Juden] alle in Zürich wohnen, so sicher sollten sie sich nicht fühlen." Diese explizite Drohung gegen Schweizer Juden wurde im Instagram-Account der deutschen Journalistin Melissa Müller als Kommentar von einem sich "trimi–vibes" nennenden Leser abgesetzt. Rassistische Aussagen dieser Gattung sind dermassen oft in sozialen Medien vorzufinden, dass man sie geflissentlich fast ignoriert.

Die Schweizer gehören gerüchteweise zu den „liebenswertesten“ Antisemiten. Selbst, wenn sie einem Juden alle Schande sagen, tun sie dies mit der Sorgfalt und Umsichtigkeit von – historisch bedingt – "neutral" gesinnten Geistern. Doch unter der vermeintlich höflichen Etikette verbirgt sich mitunter eine Rauheit, die sich gewaschen hat. Dies umso unverblümter, wenn erst hinterm Rücken des jüdischen Berufskollegen oder Nachbarn abfällig geschnödet wird.

Natürlich ist die eingangs zitierte Aussage generalisierend, doch wer sich der Mühe unterzieht, in die Tiefen des emotional aufgewühlten Schlamms im publizistischen Umfeld zu greifen, wird erschüttert. Heutzutage reicht ein Blick in die Kommentarspalten praktisch sämtlicher Medien, auch der sozialen, um gewahr zu werden, dass buchstäblich dreckige und infame Aussagen gegenüber Juden, bekennende Israelfreunde, Zionisten oder den jüdischen Staat Israel ungeschminkt zum Mainstream gehören. Sie entspringen einem aufklärerisch sozusagen als überwunden geglaubten Irrglauben, der sich als (un)verhüllter Hass manifestiert, welchem rational einfach nicht beizukommen ist.

Vor einem Jahrzehnt wähnte man sich in der Schweiz als Jude noch in einem einigermassen intakten Paradies, irgendwie abgeschottet von den Unbilden der zunehmend antisemitisch und Israel-feindlich werdenden politischen Grosswetterlage im nahen und fernen Ausland. Vielleicht entsprang dieses Gefühl einem verklärten Urvertrauen, der lange standhaft an ihren humanitären und grunddemokratischen Werten festhaltenden Eidgenossenschaft könne im Grunde genommen nichts Sonderliches passieren.

Doch die Schweiz von einst, die sich gar nicht erst fremden Händeln aussetzt, sondern ihnen getreulich aus dem Wege geht, gibt es spätestens seit der militärpolitischen Weggabelung zugunsten der Ukraine nicht mehr. Kommt hinzu, dass ein ideologisches Gefecht zwischen den herrschenden „Regierungseliten“ und ihrem mächtig ausufernden Staatsapparat sowie dem schweizerischen Souverän um die Deutungshoheit von Vertragsbindungen mit fremden Blöcken wie Europäische Union oder NATO ausgebrochen ist.

Die mit 18’000 Bürgern nicht gerade starke Minderheit jüdischer Schweizer gerät zwischen die Blöcke. Eigentlich dürfte es keine Neutralität geben, wenn Bundesbern seine eigenen Staatsbürger vor übergriffigen islamistischen Tendenzen, die den gesellschaftspolitischen Zusammenhalt zunehmend beeinträchtigen, schützen sollte. Doch die offizielle Politik exponiert sich eher in zögerlicher Weise – zumeist bleibt es bei nichtssagenden rhetorischen Versatzstücken der Art, man dulde keinen Antisemitismus – zugunsten jüdischer Anliegen.

Mordversuche und Drohungen gegen Juden nehmen exponentiell zu. Hassbotschaften sind allgegenwärtig im Stadtbild von Zürich, Bern, Basel, Lausanne und Genf. Kürzlich recherchierte die deutsche Journalistin Melissa Müller im Umfeld jüdischer Vereine und fand heraus, dass ein religiös-zionistischer Jugendbund namens Bne Akiwa mit etwa 130 Mitgliedern in Zürich und Basel zur Aliya (Auswanderung) nach Israel ermutige. In diesem Kontext erwähnte Müller auch, dass in der israelischen Armee etwa 500 schweizerische Soldaten dienten. Sie suggerierte, dass jene sich am – frei erfundenen! – „Völkermord“ im Gaza beteiligt haben könnten. Solche klassischen Blutmordlegenden werden nun öfters denn je über Juden verbreitet.

Es gibt noch nicht viele jüdische Haushalte, in denen offen darüber diskutiert wird, ob es tunlich sei, angesichts sichtbarer Islamisierung auf eine Zukunft auch für die nachwachsende Generation zu bauen. Viele zionistisch oder religiös orientierte Schweizer Juden leben bereits in Israel. Ihre Zahl beträgt annähernd 26’000 Menschen. Sollten sich Schweizer Juden genötigt sehen, ihren Wohnsitz dereinst aufgeben zu müssen, dürfte ihr Zielland zufolge familiärer Verbindungen sowie innerer Anteilnahme, jedoch auch aus pragmatischen Gründen eher Israel als ein weiterer vom kategorischen Judenhass zerfressener Staat sein.

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